Tote Menschen, Zigaretten und McDonalds

Es kann sich nur noch um Stunden handeln, denke ich mir, während wir durch das größte Kaff der Erde fahren. Eigentlich ist es nicht das größte Kaff der Erde. Es ist größer als mein Heimatkaff, aber irgendwie scheint es ausschließlich von alten Menschen bevölkert zu sein. Dafür hat trotzdem die neue Weltordnung Einzug gehalten, ein extremer HipHopper geht mit einem kleinen Kind an der Hand vorbei. Vielleicht seine Tochter. Hoffentlich seine Nichte. Der Kerl kann nicht älter als zwanzig sein – körperlich – und ist im psychischen Entwicklungsstadium irgendwo zwischen Trotzphase und Pubertät stecken geblieben.
Zumindest scheint die Sonne. Obwohl, nein, das ist schlecht. UVA- und UVB-Strahlen rufen Hautreizungen hervor, die Zellen versuchen sich zu schützen und verfärben sich. Das sogenannte „Bräunen“ ist eigentlich auch nur eine Tortur der oberen Hautschichten. Ich bin ohnehin schon Hautkrebs gefährdet also verzichte ich auf direkte Sonneneinstrahlung so oft wie möglich. Natürlich nicht zu oft. So böse Sonnenlicht auch ist, man braucht UVB-Strahlen, damit der Körper Vitamin B produzieren und in die Knochen einlagern kann. Sonst bin ich irgendwann wirklich so biegsam wie ein wabbelndes Stück Gelee.
Auf Osteoporose hab ich nun wirklich keine Lust, ich krieg schon noch Lungenkrebs früh genug, das reicht. Wie auch immer, wir halten an. Oh wow, der Friedhof. Ich mag Friedhöfe. Sie sind friedlich. Sagt der Name eigentlich auch schon. Aber es sind so gut wie nie Leute da und irgendwie scheint eine unsichtbare Kuppel diesen Ort von allen Geräuschen abzuschirmen. Ich liebe es. Das einzige, was stört sind meine Eltern und mein Bruder. Nichts gegen sie, sie sind die einzigen Lebewesen, dessen Gegenwart ich länger als drei Stunden am Stück ertragen kann ohne Mordgedanken zu entwickeln – manchmal. Liegt vermutlich daran, dass wir die Kommunikation auf das Nötigste beschränken.
Nein, es ist nicht so, als würden wir uns nicht um einander kümmern. Wir sind nur alle erwachsen – mehr oder weniger – und haben keine Lust auf Stress. Doch wenn uns irgendjemand dumm kommt schrecken wir natürlich nicht davor zurück auch mal unhöflich zu werden.
Während wir vor dem Grab meiner Großeltern stehen – mein Bruder zieht verdächtig die Nase hoch – überlege ich mir schon, wie ich den Moment in Worte fassen kann. Bis ich dazu komme irgendetwas aufzuschreiben habe ich die Formulierung natürlich schon längst wieder vergessen aber man hat zumindest etwas zu tun. Mein Bruder zieht sich freundlicherweise zurück und wartete mehrere Meter entfernt auf einer halb morschen Holzbank, mein Vater sucht das Grab seines eigenen Vaters. Das ist eigentlich ein lustiges Suchspiel, es erinnert mich ein wenig an MineSweeper. Mein Großvater väterlicherseits hat einfach nur ein namenloses Urnengrab irgendwo auf einem Stück Rasen. Spart Geld, die Stadt kümmert sich darum. Hat nicht mein Vater entschieden, sondern dessen Mutter, die liegt momentan im Krankenhaus, weil sie dabei versagt hat aus ihrem Bett aufzustehen und sich den Oberschenkel gebrochen hat. Sie war schon immer irgendwie komisch, hatte ständig irgendetwas und hatte vermutlich mehr Operationen als Pamela Anderson aber … keine Ahnung, ich glaub sie stirbt bald. Oder sie glaubt, bald zu sterben, denn sie wird schrecklich sentimental. Als ob sie Jahrelange Arschhaftigkeit plötzlich wieder gut machen könnte. Es bringt nichts, auf dem Sterbebett irgendetwas zu bereuen, denn nur weil irgendwer verreckt sind nicht plötzlich alle Menschen sanftmütig. Vielleicht bin ich auch nur ein Arsch aber Lebewesen neigen nun mal dazu irgendwann den Löffel abzugeben. Dagegen kann man nichts machen und man sollte es auch nicht. So ist der Lauf der Dinge. Ich will jetzt nicht damit sagen, dass es egal ist ob irgendwer stirbt. Klar, irgendwer ist immer traurig – wäre irgendwie übel wenn es anders wäre – aber es ist nicht zwingend das Ende der Welt. Ich find großartiges Gejammer bei alten Menschen einfach unnötig. Ihre Zeit war eben gekommen. Bei Kindern ist es was anderes. Da ist es irgendwie falsch. Aber wie auch immer, den Tod kann man nicht aufhalten und ich mach es ihm leichter, indem ich den Weg zur Lunge einfach mal ordentlich mit Teer belege. Dafür erwarte ich ein ordentliches Dankeschön, immerhin kann er jetzt nicht mehr ausrutschen.
Wo war ich?
Ach ja, mein Vater sucht weiterhin seinen eigenen, mein Bruder versucht seine Molekularmasse nicht zu verändern, um die Bank nicht zum Einsturz zu bringen und ich stehe neben meiner Mutter vor dem Grab meiner Großeltern und jongliere gedanklich mit Worten, während sie an den Blumen herum zupft. Als sie anfängt zu reden ist ihre Stimme gefährlich belegt und das ist etwas, dass ich nicht abkann. Ich habe wegen meiner toten Großeltern keine Träne vergossen aber ich mag es wirklich nicht, wenn meine Eltern traurig sind. Oder wenn sie sich Sorgen machen. Ich glaub ich würde es ihnen nicht einmal sagen, wenn ich Krebs hätte. Oder zumindest würde ich sehr lange damit warten. Wie sagt man sowas auch? Schickt man eine lustige, bunte Karte auf der steht „Verdamm, ich werde sterben, aber sonst ist alles oke“?
Zugegeben, zu meinem Humor würde es passen aber sogar mir fällt auf, dass es wirklich taktlos wäre.
Während wir wieder zum Auto gehen fällt mir auf, dass ich meine Zigaretten vergessen hatte – die Schachtel war erst angebrochen gewesen – was für mich an eine absolute Katastrophe grenzt. Ohne Zigaretten bin ich … einfach ein Junkie auf Entzug. Und ich neige zu Aggressionen. Gegen alles und jeden. Es hat ein mal jemand den Fehler gemacht mir eine Kippe zu klauen. Er hatte zwei Wochen lang einen dunkelblauen Fleck auf dem Rücken. Ich hab ihn angesprungen und gebissen. Beißen ist wirklich das Zaubermittel schlechthin. Es befriedigt ungemein, besonders wenn man gerne Leute vor Schmerz schreien hört, es hinterlässt Spuren, wunderbare Erinnerungen und wenn man nicht sonderlich kräftig ist macht das gar nichts. Nur nach vollbrachter Tat sollte man vielleicht schnell laufen können.
Ich denke, ich habe meine Nikotinsucht nun sehr deutlich gemacht.
Nebenher fange ich an zum allmächtigen Spagettimonster zu beten, dass wir auf dem Heimweg bei Mc Donalds halten. Ja, die goldene Möwe ist böse, genauso böse wie das andere, das weiter oben erwähnt wird. Trotzdem sind die McWraps supergeil und das einzige fleischhaltige Etwas auf der Speisekarte, bei dem ich weder Durchfall noch krampfartiges Erbrechen kriege. Und ich brauche mein Fleisch. Nicht so sehr wie meine Zigaretten aber es kommt nah dran.
Hat eigentlich mal jemand versucht einen Wurstkuchen zu backen?
Wie mega geil wäre eigentlich Superman in einem Batmankostüm?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: